17.04.2017 | Interview Barrierefreiheit

Emma Seifried, Head of Frontend, zum Thema Zugänglichkeit von Webseiten

Ein wichtiges Thema, das oft zu kurz kommt, auch in der Budgetierung von Projekten: Barrierefreies Web. Was genau bedeutet das, an wen richtet es sich und warum sollten wir uns alle damit auseinandersetzen? Emma Seifried, Leiterin der Frontendentwicklung bei kultwerk, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema im Agenturalltag zu platzieren und Kollegen und Kunden dafür zu sensibilisieren.

Barrierefreies Web, was heißt das eigentlich?

Bei der Formulierung barrierefreies Web denken die meisten an ein Web, das ganz speziell für Menschen mit starken Einschränkungen, wie beispielsweise Blinde oder Gehörlose, gemacht ist. Wer aber schon eine einfache Lesebrille benötigt, weiß wie mühevoll es sein kann, längere Texte im Web zu lesen. 

Dies sind dann kleinere Probleme, sie stellen aber ebenso eine Barriere dar. Also hat das Thema auch durchaus etwas mit Komfort und Nutzen zu tun. Letztlich bedeutet es ganz einfach, dass wir das Internet zugänglich machen - und das für jeden.

Gibt es nicht ausreichend technische Hilfsmittel, wie beispielsweise Screenreader, die eine dahingehende Umsetzung in der Entwicklung der Website überflüssig machen?

Nein, auf gar keinen Fall. Genau wegen dieser technischen Hilfsmittel müssen wir lernen, Websites so zu bauen, dass diese damit auch kompatibel sind. Es gibt einige Funktionen die von gängigen Browsern bereits mitgebracht werden. Ich denke da beispielsweise an Fokus-Zustände. Dennoch dürfen wir uns als Entwickler auf keinen Fall frei davon machen. 

Nehmen wir das Thema Keyboard-Navigation. Eine Ausarbeitung bis ins Detail kostet Zeit und Geduld in der Entwicklung und es wird immer wieder Seitenelemente geben, die uns vor eine Herausforderung stellen. Aber eine Seite dadurch für einen Screenreader lesbar zu machen, da braucht es nur ein paar wenige Handgriffe, die wir bei der Neuentwicklung einer Seite einfach mit umsetzen sollten. Als Entwickler müssen wir eine saubere Basis für ein barrierefreies Web schaffen.

Kann man eine bestehende Seite denn nachträglich anpassen, wenn die Basis nicht ganz so sauber ist?

Natürlich ist ein Nachrüsten bei einer bestehenden Website möglich. Für die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) haben wir vor Kurzem eine nachträgliche Anpassung vorgenommen. Die war zeitaufwendig, hat aber auch ein super Ergebnis in der Zertifizierung gebracht: 96 von 100 möglichen Punkten und damit das Zertifikat “sehr gut zugänglich”, die höchste Auszeichnung. 

Die NADA hat ein großes Interesse daran, dass all ihre Angebote im Laufe der Zeit ein solches Zertifikat tragen, da sie viel mit Athleten in Kontakt stehen, die auf eine barrierefreie Seite angewiesen sind. In dem Projekt haben sowohl die NADA als auch wir wieder sehr viel zu dem Thema dazulernen können.

Und warum bekommen nicht viel mehr Institutionen die Auflage einer Zertifizierung, beispielsweise Sportvereine?

Ich möchte das Thema Zertifizierung nicht klein reden: Es ist sehr aufwendig, braucht Experten, kostet Zeit und Geld und es werden zwangsläufig Einschränkungen in Funktion und Design gemacht. Wenn es z.B. um Sportvereine geht bleibe ich dabei: 

Wir können Seiten mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln optimieren und sie so zugänglich machen. Da braucht es kein extra Zertifikat. Natürlich spielt hier auch immer ein Stück weit die öffentliche Wahrnehmung mit rein. Denn ein solches Zertifikat kann natürlich auch ein Aushängeschild sein.

Zusammenspiel Projektmanagement, Design, Entwicklung. Wer hat bei dem Thema den Hut auf?

Wichtig ist erstmal, dass wir unsere Kunden dafür sensibilisieren. Und das fängt in der Beratung des Kunden an, also speziell im Projektmanagement und Konzept. Für den Designer fallen ebenso Aufgaben in dem Prozess ab, besonders mit Blick auf Farben, Kontraste etc. Als Entwickler habe ich letztlich die Aufgabe es entsprechend umzusetzen und mein Handwerk dahingehend zu beherrschen, in dem ich die Anforderungen der technischen Hilfsmittel genau kenne. Wichtig ist, dass das Thema den gesamten Beratungs- und Entwicklungsprozess begleitet. 

Unser Ziel ist es, den Kunden so gut beraten zu können und für das Thema zu sensibilisieren, dass er in der Lage ist, die Entscheidung zu treffen, ob seine Seite barrierefrei sein sollte oder nicht. Ich möchte hier niemanden abschrecken, viel mehr möchte ich dazu ermutigen dem Thema offen gegenüber zu treten. Die meisten meiner Kollegen haben vor einiger Zeit noch die Augen verdreht, wenn ich Hinweise dazu gegeben habe. Heute weiß jeder etwas damit anzufangen und wir entwickeln uns immer mehr dahin, dem Kunden eine saubere Basis für eine barrierefreie Seite zu liefern. Darauf bin ich schon auch stolz. :-)

Vielen Dank, Emma!